Flat Track Rennen – Go fast turn left.

Der Mythos besagt, das erste Motorradrennen begann, als das zweite Motorrad gebaut war. Da asphaltierte Straßen Ende des vorletzten Jahrhunderts bekanntermaßen eher rar waren, dürfte das also auf losem Grund stattgefunden haben. Wenn es dann auch noch im Kreis vonstatten ging, war das die Geburtsstunde des Flat Track Racings.

Klar, dass der älteste Motorradhersteller der Welt in dieser Disziplin von Anfang an dabei war. Und nicht nur das: Indian Motorcycle hat den Sport auch über Jahrzehnte dominiert. Nach langer Abstinenz kehrte die „Wrecking Crew“ 2017 in den USA mit der FTR 750 zurück und knüpfte nahtlos an die Erfolge vergangener Tage an. Das freilich alles in den USA, wo sich der Bahnsport seit jeher großer Beliebtheit erfreut. Nun ist die Begeisterung auch in den Ländern der alten Welt angekommen, allen voran in Großbritannien. Dort organisiert die DTRA (Dirt Track Riders Association) den größten Flat Track-Wettbewerb außerhalb der USA – den Hooligan Championship. Doch auch in Deutschland wächst die Szene rasant, mit dem „Krowdrace“ wurde 2019 eine eigene Serie ins Leben gerufen. Indian Motorcycle unterstützt sie dabei nach Kräften und mischt auch mit eigenen Fahrerinnen und Fahrern ordentlich mit.

Das englische Team besteht aus Leah Tokelove und Lee Kirkpatrick. Leah wechselte nach äußerst erfolgreichen Jahren in der UK Beach Racing-Serie 2013 zum Flat Track, wo sie innerhalb von nur vier Jahren in die Pro Class aufstieg – als einzige Frau. Auch Lee Kirkpatrick, ursprünglich in der Motocross-Szene zuhause, hat sich seine Sporen zunächst bei Beach-Rennen verdient. Aus der Malle Mile beispielsweise ging er 2017 als Sieger hervor.

Aus Schweden geht Jonathan Manfalken mit seinem „Blixt & Dunder“ Umbau an den Start – und wie! Auch seine Rennsportkarriere begann im Jugend-Motocross. Er ist mit deiner FTR ganz vorn im Schwedischen Hooligan Championship unterwegs, aber auch in der deutschen Krowdrace-Serie und bei anderen europäischen Events dabei.

Für Deutschland sitzen mit Kenny Hinck und Martin Hüning ebenfalls zwei erfahrene Vollblut-Motorsportler im Sattel. Kenny ist seit Kindheitstagen im Straßenrennsport verwurzelt und hat sich u.a. auch der wohl größten Herausforderung gestellt, die der Motorradrennzirkus zu bieten hat: der Isle of Man TT. Martins Rennsportvergangenheit ist vom V-Twin-Dragster-Racing geprägt, wo er über etliche Jahre von einem Podiumsplatz auf den nächsten sprang.

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Seit kurzem nun ziehen beide am Kabel ihrer brandneuen Race FTR 1200, Kenny übernahm dabei in Zusammenarbeit mit Indian Motorcycle Hamburg auch noch den Umbau der beiden Maschinen. Ausgangsbasis waren zwei FTR 1200 S, wie sie bei eurem Händler stehen. Die mussten dann freilich ein wenig Federn lassen. Schließlich weichen die Anforderungen, die Flat bzw. Dirt Track an die Motorräder stellen, deutlich von dem ab, was man von einem straßenverkehrstauglichen Allrounder erwartet.

Das Offensichtlichste sind natürlich die Kurven, auch wenn es beim Flat Track derer nur zwei gibt.
Doch die sind entscheidend. Auf der Straße legt man sich hinein und wünscht sich sehnlichst, dass das Hinterrad nicht ausbricht. Um auf dem losen Untergrund des Flat Tracks möglichst schnell zu sein, ist das Gegenteil der Fall: Das Hinterrad muss driften, also ausbrechen. Aber wohl dosiert!

Weil dabei nicht nur die Reifen eine Rolle spielen, sondern auch Gewicht und Fahrwerksgeometrie ganz entscheidend sind, wurde von der US-amerikanischen Bike-Schmiede Roland Sands Design eigens für die FTR 1200 das Hooligan Kit entwickelt: Ein aus dem Vollen gefrästes, extra schweres 19-Zoll-Hinterrad – das sorgt für bessere Traktion. Eine verstellbare Gabelbrücke mit steilerem Lenkkopfwinkel – sie erhöht die Wendigkeit und ermöglicht dem Fahrer, die Geometrie seinen individuellen Wünschen anzupassen. Ein kleinerer Alu-Tank – vor allem um Gewicht zu sparen, aber auch, weil mit dem originalen Tank nicht ausreichend Platz für das nächste Bauteil des Kits vorhanden wäre: eine kürzere Schwinge mit entsprechend steilerem Anlenkungswinkel des Stoßdämpfers. Denn je länger das Motorrad, desto schwieriger lässt sich der Drift kontrollieren. Als Sahnehäubchen obendrauf thront schließlich noch die Flat Tracker Sitzbank aus Carbon. Spart Gewicht und sieht einfach verdammt gut aus. Damit die Maschinen auch für die Ohren ein Erlebnis sind, ergänzte Kenny das Hooligan-Kit um eine selbst gefertigte 2in1-Auspuffanlage mit ultra-kurzem SC-Project Endschalldämpfer. ABS, Soziusfußrasten und Beleuchtung blieben aus naheliegenden Gründen auf der Strecke.

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Was sich hier nun fast wie plug and play liest, war in Wirklichkeit natürlich eine Menge Arbeit. Das umfangreiche Kit ist nicht mal eben so montiert, hier und da sind Anpassungs- und Ergänzungsarbeiten vonnöten. Das Schwerwiegendste aber ist der Eingriff in die Fahrzeugelektronik. Anspruchsvolles Terrain, bis zum letzten Stromabnehmer kontrolliert vom Steuergerät. Das ist gnadenlos und zwingt die Maschine ganz schnell, den Dienst zu quittieren. Andererseits macht sie auch Tuning möglich, von dem man im rein mechanischen Zeitalter nicht zu träumen gewagt hätte: Mal eben Einspritzzeit und Zündzeitpunkt ändern – und das nicht nur in Abhängigkeit von Motordrehzahl und Drosselklappenöffnung, sondern auch automatisch angepasst an Temperatur und Witterung? Kennfelder ändern – dank der Elektronik mit ausreichend Geduld und dem nötigen Sachverstand kein Problem. Mit beidem sind Kenny und Dennis Junge glücklicherweise gesegnet. Nach einigen Stunden auf Junges Dynojet-Prüfstand waren die FTRs nicht nur perfekt auf ihr neues Einsatzgebiet vorbereitet, sondern hatten auch noch ein paar Pferde mehr am Hinterrad. Dass die beiden Bikes damit das Zeug haben, ganz vorne mitzuspielen, konnten Martin Hüning und Kenny Hinck schon mit eindrucksvollen Auftritten unter Beweis stellen.

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Worin besteht aber denn nun der Reiz vom Fahren im Kreis?

Wie jeder andere Motorsport verlangt Flat Track-Racing ein hohes Maß an Mut und Können. Die Speedwaykurse haben gemahlenen Schiefer also oberste Schicht, gefolgt von Granit, granulierten Ziegeln oder anderen lockeren Materialien. Eine staubige Angelegenheit also. Deshalb wird die Bahn zwischen den Läufen regelmäßig gewässert - was die staubige dann zusätzlich zu einer dreckigen Angelegenheit macht. Wer schneller durch die Kurve kommt, liegt vorn. Und am schnellsten kommt durch die Kurve, wer seine Maschine und Nerven am besten beherrscht. Auf Langbahnen wie beispielsweise im mecklenburgischen Parchim erreichen die Fahrerinnen und Fahrer auf der Geraden bis zu 120km/h – die zum größten Teil erst per Drift in der Kurve um 50 bis 60% abgebaut werden. Schon im Kurvenausgang wird wieder voll beschleunigt – natürlich per Drift. Eine Vorderradbremse ist dabei also nicht gefragt, weshalb sie konsequenterweise per Reglement verboten ist. Weitere Vorgaben halten sich allerdings sehr in Grenzen, was einer der entscheidenden Unterschiede zum Speedway ist. Dort sind ausschließlich hoch spezialisierte Motorräder ohne Bremsen, mit Ein- oder Zweigang-Getriebe und 500 Methanol-befeuerten Kubikzentimetern am Start.

Bei Flat Track-Rennen wie den „Krowdraces“ kann im Grunde jeder mitfahren: In mindestens eine der zehn Klassen von „Run what you brung“ („Fahr, was du mitgebracht hast“) bis hin zu Pro, Thunderbike und Hooligan passt so gut wie jedes Fahrzeug. Und so kommt es, dass sich der gemütliche Chopperfahrer, der fürs Rennwochenende nur mal eben die Sissybar abgeschraubt hat, im Fahrerlager direkt neben weltweit bekannten Rennfahrern findet.

Bedingt durch Covid-19 bestand die Krowdrace-Serie dieses Jahr nur aus drei Rennen, die erst im Spätsommer zwischen Ende August und Ende September stattfinden konnten: Auf dem Eichenring des Speedway Teams Wolfslake (Brandenburg), dem MC Mecklenburgring in Parchim und bei den Petrol Days des MSC Nordhastedt (Schleswig-Holstein).

Die Strecken unterscheiden sich deutlich in Länge und Belag, immer gleich hingegen ist der Ablauf des Rennwochenendes: Samstag Training, Sonntag die Rennen. Und für manche Schrauben in der Nacht dazwischen. Eine weitere Konstante: Die um sich greifende Begeisterung. Von Veranstaltung zu Veranstaltung wachsen die Teilnehmer- und Zuschauerzahlen. Im gesamteuropäischen Starterfeld sind viele Frauen vertreten und auch viele jugendliche Motocross-Fahrer haben Flat Track für sich entdeckt. "Der Spirit in dieser bei uns neuen Szene ist großartig“, wie Pamela Beckmann, die Marketingverantwortliche und zugleich Chefin des deutschen Indian Motorcycle Rennteams, voller Begeisterung erzählt. „Auf dem Oval wird bis aufs Messer gekämpft, da gönnt keiner dem anderen was, aber sobald die Rennfahrer zurück im Fahrerlager sind, herrscht ein unvergleichliches Gemeinschaftsgefühl. Da hilft man sich gegenseitig unabhängig davon, was oder wie lange man schon fährt. Denn alle wollen nur eines: Flat Track fahren und Spaß haben.“

Fotos: Matthias Lehmann, Patricia Sevilla Ciordia, Carlos Fernandez Laser

 

Indian Motorcycle x TOP MOUNTAIN CROSSPOINT

Indian Motorcycle Rhein-Main - 63452 - Hanau - Deutschland